Universität Heidelberg
Ägyptologische Forschungsstätte für Kulturwissenschaft

Performanz und performativer Handlungsakt. Zur Definition des Rituals anhand altägyptischer Fallbeispiele.


Die sich im Abschluss befindliche Arbeit entstand in den Jahren 2005 und 2006 und wurde gegen Ende der Teilnahme am Sonderforschungsbereich 619 „Ritualdynamik“ an der Universität Heidelberg begonnen. 

Die Ritualdefinition konzentriert sich in den letzten Jahren sehr stark auf den Aspekt der Performanz, der selbst durch zahlreiche Forschungen weiter erhellt wird und wiederum die Fokussierung des Performativen nach sich zieht. Die Untersuchung setzt sich kritisch mit dem freizügigen Gebrauch des Begriffes „Performativität“ in den ritual studies auseinander und setzt dem eine strikte Unterscheidung der beiden Kategorien „Performanz“ (= Handlungsaufführung) und „performativer Handlungsakt“ entgegen. 

Dabei werden die Kriterien der Performanz (insbesondere Inszenierung, Multimedialität und Ereignishaftigkeit) und des performativen Handlungsaktes (aus der Perspektive der engeren, ursprünglich sprachwissenschaftlichen Definition) besprochen und die Unterschiede beider Kategorien insbesondere hinsichtlich des Performativen und der Wirksamkeit herausgearbeitet. Die Performanz und der performative Handlungsakt als zwei prinzipiell zu trennende, sich aber komplementierende Aspekte des Rituals entfalten danach unterschiedliche Formen von Wirksamkeit und Performativität. Anhand von einigen Fallbeispielen verschiedener Performanzen unterschiedlicher Kulturen werden diese Gedanken erläutert. 

Altägyptische Befunde werden hinsichtlich dieser beiden Ritualkategorien untersucht und interpretiert. Entsprechend der archäologischen Quellenlage steht hier weniger die nicht mehr zu beobachtende bzw. nur sehr lückenhaft zu rekonstruierende Performanz, sondern der dagegen in seiner altägyptischen Definition und seinen Bezeugungen sehr gut nachzuzeichnende performative Handlungsakt, genauer gesagt der performative Sprechhandlungsakt, im Zentrum. In diesem Zusammenhang werden der ägyptische Heka-Begriff und seine unangemessene Zuschreibung auf einen „Magie“-Diskurs im Alten Ägypten betrachtet und ersterer neu definiert. Die altägyptischen Quellen sind bestens geeignet, den Ritualaspekt des performativen Handlungsaktes (wieder) verstärkt in die Diskussionen von Performativität und Wirksamkeit in den ritual studies einzubringen. 

Status: im Abschluss; ca. 100 Seiten. 

Die Rechtfertigung des Osiris. Feindvernichtung und Todesaufhebung in den Unterweltsbüchern des Neuen Reichs. 


Die so genannten „Unterweltsbücher“ des Neuen Reichs enthalten zahlreiche Bildszenen und Texte zur „Rechtfertigung“ des Gottes Osiris. Insbesondere das Amduat und das Pfortenbuch informieren uns über rituelle und religiöse Zusammenhänge dieser Rechfertigung. Dabei handelt es sich um die spezifische Form der „Rechtfertigung gegen Feinde“, in der die rituelle Tötung des Feindes und Todesverursachers des Osiris die Bedingung für dessen Todesaufhebung ist. 

In der Arbeit werden diese Kausalitäten herausgearbeitet, die zentralen ägyptischen Begriffe Nedj – „Rächen/Schützen“ und Jp – „Prüfen“ untersucht sowie die historische Entwicklung und die Ursprünge im königlichen Bestattungskontext der Frühzeit und des Alten Reichs herausgearbeitet. Vor allem wird die bisher häufig vorzufindende Annahme widerlegt, es handele sich bei vielen dieser Rechtfertigungsszenen um eine Abwandlung der Thematik der Herzenswägung mit der Rechtfertigung der Lebensführung. 

In eigenen Kapiteln wird der (Neu-)Formulierung des Themas „Rechtfertigung gegen Feinde“ mit neuen Texten und erstmaligen Bildern im königlichen Bestattungskontext des Neuen Reichs sowie dem Thema „Ritualwiederholung“ im Zusammenhang mit dieser Rechtfertigungsform nachgegangen. 

Status: im Abschluss; ca. 100 Seiten. 

Der bringende König. Ansatz einer Neudefinition des Ensu (Nisut) und der Weißen Krone. 


Der Ensu (Nisut) und die Weiße Krone werden seit jeher in der Ägyptologie als Zeugen einer Königsideologie von einer Herrschaft über Oberägypten bzw. von einem oberägyptischen Königtum verstanden, in Ergänzung zum Biti und der Roten Krone als angebliche Zeugen eines unterägyptischen Pendants. 

Die Untersuchung zeigt auf, dass es selbst eine ägyptische Fiktion eines solchen Doppelkönigtums nicht gegeben hat. Mit der Herausbildung der monokratischen Herrschaft über das gesamte Land in der Frühzeit wurden zwar die beiden Rollenbezeichnungen und Kronen mit der jeweiligen Landeshälfte assoziiert, allerdings hat diese Assoziierung nichts mit der Konzeption eines ober- bzw. unterägyptischen Königtums – mit allen seinen Konsequenzen – zu tun. Die Bedeutung des Ensu und der Weißen Krone liegt vielmehr in der ausdrücklichen Bezugnahme auf die Herrschaftsausübung des Königs spezifisch gegen aktuelle und potentielle Feinde, die er auf der Basis des Besitzes der Weißen Krone und in der Rolle des Ensu in seinen Kriegsauszügen „holt/bringt“ bzw. auf der Basis seiner Sechem-Macht über Feinde „ergreift“. Charakteristischerweise in diesem herrschaftspolitischen Kontext war zu allen Zeiten die monokratische Herrschaftsform machtpolitisch konzeptionell verankert. 

Die Arbeit widmet sich ausführlich den logisch-argumentativen Ansätzen der bisherigen Interpretation, zeigt die sich in den zentralen Aussagen entsprechenden semantischen Befunde der Totentexte und der historischen Texte auf, behandelt die Kausalitäten zwischen dem „Führen des Gefolges“ und dem „Bringen des Feindes“ und untersucht schließlich einige historische Befunde zu den Stufen der Königswerdung, von der Einnahme der Ensu-Rolle bis hin zur späteren Titulierung als Ensu-Biti, welche in der Ägyptologie als „Krönung“ bezeichnet wird. Letzteres geschieht anhand der relativ gut bezeugten Fallbeispiele Hatschepsuts (fiktiv), Amenophis’ II., Haremhabs, Ramses’ I. und Ramses’ II. 

Status: in Bearbeitung; ca. 300 Seiten.

Hubert Roeder



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