Universität Heidelberg
Ägyptologische Forschungsstätte für Kulturwissenschaft

Thema:

Das Erzählen in frühen Hochkulturen. 
I. Der Fall Ägypten – Funktionen und Kontexte.


Konzeption/Veranstalter: Hubert Roeder/ÄFKW

Termin: 10.11. – 11.11.2006

Ort: Internationales Wissenschaftsforum Heidelberg (IWH), Hauptstr. 242, 69117 Heidelberg

Teilnahme: Anmeldung erforderlich

Publikation: H. Roeder (Hg.), Das Erzählen in frühen Hochkulturen. I. Der Fall Ägypten – Funktionen und Kontexte.


Konzept

Dem Erzählen lässt sich für frühe Hochkulturen eine besondere Bedeutung zumessen. Vor dem Zeitalter moderner Massenmedien und multimedialer Alltagspräsentationen und in Phasen einer nur auf bestimmte Gesellschaftskreise beschränkten Schreib- und Lesekompetenz ist für frühe Gesellschaften – neben der visuellen und der performanzorientierten – eine auf das Sprechen (oral) und das Hören (aural) ausgerichtete Kommunikation kennzeichnend. Diese allgemeinen Bedingungen müssen jeder Analyse und Interpretation der nur schriftlich hinterlassenen Erzählungen zugrunde gelegt werden. Die umgekehrte Tatsache einer erst durch zunehmende Verschriftlichung verstärkten Literarisierung des Erzählens darf dabei allerdings nicht aus dem Auge verloren werden.


Jede Suche nach Funktionen und Kontexten des Erzählens muss das mündliche und das schriftliche Erzählen sowie die Prozesse zwischen beiden Erzählformen berücksichtigen. Der Schwerpunkt „Frühe Hochkulturen“ lenkt den Blick zunächst auf ein zentrales Problem: die Überlieferung von Erzählungen ausschließlich in schriftlicher Form. Dieser Mangel kann jedoch in eine konstruktive Fragestellung umgemünzt werden, für die gerade die frühen Hochkulturen die entscheidenden Hinweise liefern können: Wie gestaltet sich der Übergang von einer zunächst rein mündlichen zu einer (auch) schriftlich geprägten Erzählkultur?
Andere Fragen bauen darauf auf: Welche Veränderungen in den Funktionen und Kontexten des Erzählens insgesamt sind damit verbunden? Wie lässt sich methodisch flexibel auf eine solche dokumentarische und kulturelle Ausgangssituation reagieren? Welche grundsätzlichen Eigenheiten des Erzählens gibt es, die womöglich in beiden Erzählformen zum Tragen kommen? Und umgekehrt: Welche konkreten Modifikationen bewirkt die zunehmende Schriftlichkeit im Erzählen in einer frühen Hochkultur?


Die Disziplinen untereinander lassen – entsprechend ihren unterschiedlichen Forschungstraditionen, Aufmerksamkeiten und Quellengrundlagen – nicht immer Übereinstimmungen in den Stoßrichtungen und Schwerpunkten ihrer fachspezifischen Erzählforschung erkennen und bemühen streckenweise gar gegenläufige Argumentationen. Die Ägyptologie hat sich in den letzten 15 Jahren verstärkt der Literaturwissenschaft zugewandt und aus dieser Perspektive heraus auch das Phänomen altägyptischer Erzählungen zu erklären versucht. Der dabei nicht immer genügend relativierte Rückgriff auf einen modernen Literaturbegriff und die weiterhin umstrittene Annahme eines altägyptischen Literaturdiskurses sind Hauptkritikpunkte an diesem Blickwinkel. Gleichzeitig begründen die ägyptologischen Literaturforschungen wichtige neue Interpretationsansätze für gesellschaftliche und politische Rahmenbedingungen, die allerdings bisherigen Erkenntnissen und Annahmen zur altägyptischen Kultur gelegentlich zuwiderlaufen. Kausale Interdependenzen zwischen Methode und Ergebnis werden hier besonders deutlich. Vor allem aber werden durch eine zu einseitige Perspektive die Unterschiede zwischen den Quellen manchmal nivelliert und die offensichtliche kontextuelle und funktionale Vielfalt insbesondere der Erzählungen und des Erzählens vergessen gemacht. Der literaturwissenschaftliche Ansatz droht damit durch seine inzwischen erlangte Deutungshoheit in der Ägyptologie ein weiteres Verstehen des Phänomens „Erzählen im Alten Ägypten“ zu behindern, auch weil andere Untersuchungsansätze von vornherein in den Hintergrund gedrängt werden. Unter Wahrung bisheriger literaturwissenschaftlicher Ergebnisse müssen solche Hindernisse abgebaut werden. Gleichzeitig sollen die Erzählungen über die sie motivierende Sprechhandlung des Erzählens funktional ergründet und damit religiös, rituell, politisch, sozial, historisch und anderweitig (re)kontextualisiert werden.
Der übergreifende Blick auf die Bedingungen des Erzählens selbst und weniger auf eine bestimmte – mündliche oder insbesondere schriftliche – Erzählform bzw. den Text soll vor zu einseitigen und zu einengenden methodischen Perspektiven bewahren. Gleichzeitig soll er helfen, die funktionale und kontextuelle Vielfalt und die Entwicklungsdynamik des Erzählens angemessener zu erschließen.


Die erste Tagung unter dem Thema „Erzählen in frühen Hochkulturen“ widmet sich schwerpunktmäßig den Erzählungen des Alten Ägypten. In den fachspezifischen Beiträgen stehen eine oder mehrere konkrete Erzählungen im Mittelpunkt, deren religiöse, rituelle, politische, soziale und andere Kontexte hinterfragt und diesbezügliche potentielle Funktionen plausibilisiert werden. Hier können bzw. müssen historisch gesehen primäre und sekundäre Funktionen und Kontexte berücksichtigt werden. Dabei muss die Frage angesprochen werden, was spezifisch das Erzählen – gegenüber anderen schriftlichen und mündlichen Kommunikationsformen – in solchen Kontexten zu leisten vermag. Die anstehende Tagung soll neue Wege aufzeigen, aber auch an frühere Methoden in der Ägyptologie erinnern, ohne die Ergebnisse primär literaturwissenschaftlicher Untersuchungen zu ignorieren. Doch soll mit Blick auf frühe Hochkulturen der erratische Block „Literatur“ hinterfragt und dessen Bausteine zwecks einer offeneren Anwendung jenseits fest gefügter Literaturdiskurse freigelegt werden. Die potentielle Vielfalt der Formen, Funktionen und Kontexte eines alltäglichen und insbesondere eines nicht-alltäglichen Erzählens sowie dessen Gerinnung in schriftlichen oder verschriftlichten Erzählungen im Alten Ägypten sollen aufgedeckt werden. Und die in der Ägyptologie so häufig anzutreffende Rede von der Unterhaltungsfunktion „literarischer“ Erzählungen soll mit Blick auf die mannigfaltigen Einsatzmöglichkeiten auch des nicht-alltäglichen Erzählens relativiert werden. Begleitende Vorträge werden die Methoden und Perspektiven anderer Fachdisziplinen zum Thema „Erzählen“ deutlich machen und einen interdisziplinären Interpretationsrahmen abzustecken helfen. Aus ihm heraus und zunächst auf der Basis des altägyptischen Materials sollen für andere frühe Hochkulturen relevante Fragestellungen und Interpretationsansätze zum Erzählen formuliert werden, die in der Folgetagung im Jahr 2007 zur Sprache gebracht werden. Interdisziplinär maßgebliche Diskussionsbeiträge sind:

• die verschiedenen Definitionen eines „Sitzes im Leben“,

• die Auswirkungen des kulturellen Umschwungs von einer oral bzw. aural definierten hin zu einer zunehmend literal dominierten Gesellschaft,

• die literarische Dimension und ihre Bewertung im Hinblick auf die Gesamtheit der (nur zu evaluierenden) mündlichen und schriftlichen Hervorbringungen früher Hochkulturen,

• die vielfältigen Funktionen und Potentiale eines Erzählens, auch im Vergleich zur Funktionsbreite anderer (sprachlicher) Kommunikationsformen,

• die sozialen, politischen, religiösen, rituellen und historischen Kontexte des Erzählens und seine funktionale Verankerung in ihnen,

• die Möglichkeiten einer funktionalen und einer thematisch-kontextuellen Analyse von Erzählungen im nicht-literarischen (!) Kotext überlieferter Textkorpora früher Hochkulturen.


Lassen sich aus diesen und möglichen weiteren Perspektiven neue Erkenntnisse zu Funktionen und Kontexten dieser für Ägypten und andere frühe Hochkulturen so wichtigen Kommunikationsform gewinnen? Andere sprachliche bzw. schriftliche Formen als das Erzählen selbst werden zu dessen Evaluierung immer wieder heranzuziehen sein, doch sollten das Erzählen und die Erzählungen im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen.

Die Tagung soll helfen, die Dynamik und die Vielfalt des Erzählens, seine funktionalen und kontextuellen Entwicklungspotentiale zwischen mündlicher und schriftlicher Form sowie seinen Stellenwert für die Rekonstruktion historischer, religiöser, ritueller, sozialer und anderer Zusammenhänge offen zu legen bzw. neu zu bestimmen. Das „Erzählen in frühen Hochkulturen“ hat also nicht nur die funktionale und kontextuelle Rekonstruktion und Interpretation des Erzählens selbst im Blick, sondern auch den Informationsgehalt, den uns das Erzählen bzw. die Erzählungen für die Rekonstruktion des religiösen, rituellen, historischen und sozialen Gedankenguts der jeweiligen Kultur bereit halten.

Die Tagung dient dazu, ein vorläufiges Interpretationsparadigma des Erzählens spezifisch für frühe Hochkulturen anzudenken, ausgehend von den altägyptischen Bedingungen und gestützt auf transdisziplinäre Überlegungen aus anderen Fächern. Dazu müssen verschiedene Kategorien definiert und einander zugeordnet sowie deren Kriterien ausfindig gemacht werden. Hierzu zählen die psychologisch-emotionalen und die kommunikativen Eigenheiten des Erzählens, der besondere informative Stellenwert des Erzählens, die kollektiven und individuellen Intentionen und Rezeptionen, die alltäglichen und außeralltäglichen (Performanz) Gelegenheiten und die öffentlichen und privaten Räume des Erzählens.

Hubert Roeder

Programm

Freitag, den 10. 11. 2006


9.00 - 9.45


H. Roeder (Heidelberg)
Zur Einführung: Kontexte und Funktionen des Erzählens erläutert an Fallbeispielen aus dem Mittleren Reich.
9.45 - 10.45

W. Raible (Freiburg)
Thema offen.
10.45 - 11.15 Pause
11.15 - 12.15

C. Maderna-Sieben (Heidelberg)
Das Erzählen im Ko(n)text historischer Inschriften des Neuen Reichs.
12.15 - 14.00 Mittagessen
14.00 - 15.00



F. Maciejewski (Heidelberg)
"Der Streit zwischen Apophis und Sekenenre". Ein gedächnisgeschichtlicher und ethnopsychoanalytischer Zugang zu einer Erzählung aus ramessidischer Zeit.
15.00 - 16.00



F. Röpke (Heidelberg)
Überlegungen zum "Sitz im Leben" der Kahuner Homosexuellen Episode zwischen Horus und Seth (pKahun VI.12 = pUniversity College London 32158).
16.00 - 16.30 Pause
16.30 - 17.30

J. Assmann (Heidelberg/Konstanz)
Die Piye(Pianchy)-Stele: Erzählung als Medium politischer Repräsentation.

Samstag, den 11. 11. 2006


9.00 - 10.00

B. U. Schipper (Bremen)
Die Erzählung des Wenamun als historisch-politisches Literaturwerk.
10.00 - 11.00


F. Hoffmann (München)
Die Entstehung der demotischen Erzählliteratur. Beobachtungen zum überlieferungsgeschichtlichen Kontext.
11.00 - 11.30 Pause
11.30 - 12.30

J. F. Quack (Heidelberg)
Erzählen als Preisen. Vom Astartepapyrus zu den koptischen Märtyrerakten.
12.30 - 13.30 Mittagessen
13.30 - 14.30

U. Verhoeven van Elsbergen (Mainz)
Funktionen von Wiederholung und Abweichung in ägyptischen Erzähltexten.
14.30 - 15.30



A. El Hawary (Bonn)
Die Macht der Inszenierung - die Inszenierung der Macht. Zwei "literarische" Zeugnisse der 25. Dynastie und die ägyptologische Grundsatzdebatte um Literatur/Kulturwissenschaft.
15.30 - 16.00 Pause
16.00 - 17.00
Schlussdiskussion

Abstracts

A. El Hawary
Die Macht der Inszenierung – die Inszenierung der Macht. Zwei „literarische“ Zeugnisse der 25. Dynastie und die ägyptologische Grundsatzdebatte um Literatur/Kulturwissenschaft.

Im Mittelpunkt meines Beitrags steht die „Memphitische Theologie“ als narrativer Text. Es ist eines der meist untersuchten Denkmäler der altägyptischen Kultur und zugleich höchst umstritten. Die umkämpfte Interpretation des Textes ist symptomatisch für die ägyptologische Forschungsarbeit seit den Anfängen bis zur postmodernen kulturwissenschaftlichen Debatte. Ob der Text in der 25. Dyn. verfasst wurde, ist ebenso umstritten wie seine „Literarizität“, wobei letztere Diskussion im Rahmen der Autonomieästhetik/dem kulturellen Gedächtnis noch kontroverser geführt wird. In Gegenüberstellung zur Siegesstele des Pije wird der Erzählcharakter dieses Textes herausgearbeitet und für einen erweiterten Literaturbegriff plädiert.


F. Hoffmann
Die Entstehung der demotischen Erzählliteratur. Beobachtungen zum überlieferungsgeschichtlichen Kontext.

In der Forschung hat die Frage nach der Rolle der griechischen Literatur bei der Entstehung der demotischen Erzählungen eine zentrale Rolle gespielt. Die bisherige Fixierung auf das Verhältnis Griechenland - Ägypten hat den Blick verstellt für das Ereignis, das meiner Ansicht nach wirklich für die Herausbildung der demotischen Erzählliteratur entscheidend war. Eine Betrachtung der demotischen Erzählungen im Rahmen ihrer jeweiligen Gruppen und im Kontext der übrigen ägyptischen Literatur des 1. Jt. v. Chr. sowie eine sorgfältige chronologische Untersuchung zur handschriftlichen Überlieferung und die Berücksichtigung der historischen Rahmenbedingungen führen zur eindeutigen Benennbarkeit einer äußerlich bedingten Unterbrechung in der schriftlichen ägyptischen Literaturtradition. Die Verwendung der demotischen Schrift für ägyptische Erzählungen erweist sich als Medienwechsel, zu dem es beim Wiederbeginn der schriftlichen Überlieferung kam.


F. Maciejewski
„Der Streit zwischen Apophis und Sekenenre“. Ein gedächtnisgeschichtlicher und ethnopsychoanalytischer Zugang zu einer Erzählung aus ramessidischer Zeit.

Entgegen einer ereignisgeschichtlichen Lesart der Erzählung (Goedicke 1986) bevorzugt der Autor einen gedächtnisgeschichtlichen Zugang. Diesem Verständnis zufolge vollzieht sich der Auftritt der historisch bezeugten Könige Apophis und Sekenenre vor der (ersten) Kulisse einer tief gestaffelten Bühne, auf der nach und nach verschiedene Revenants der beiden Protagonisten erscheinen. Hinter dem Raum der Hyksoszeit werden, als zunächst verborgene Textschichten der Erzählung, nacheinander die Amarnazeit und die Ramessidenzeit in den Blick genommen. Erst diese Kontextverschiebung macht es möglich, so das zentrale Argument, sonst unverständlich bleibende Topoi (religiöser Konflikt, Nilpferdteiche) zu deuten. Die Einheit der widersprüchlichen Momente erschließt sich aus der kollektiven Gefühls- und Bewusstseinslage der Gruppe, in deren Mitte die Erzählung mutmaßlich entstanden ist: der thebanischen Amunpriesterschaft.


C. Maderna-Sieben
Das Erzählen im Ko(n)text historischer Inschriften des Neuen Reichs.

Auf der Grundlage des von BREMOND entwickelten Modells, das auch BEYLAGE der Klassifizierung der Königsnovellen der 18. Dynastie zugrunde legt, soll versucht werden, die Erzählungen der königlich-historischen Inschriften des Neuen Reiches näher zu untersuchen. Obgleich alle Inschriften dem gleichen Grundmodell entsprechen, treten deutliche Unterschiede in der Ausarbeitung der narrativen Konzeption zu Tage. Auf der einen Seite stehen Texte, die die historischen Ereignisse einem impliziten Leser in Form einer „klassischen“ Erzählung mit einzelnen Episoden, die eine ineinander übergreifende Handlungskontinuität aufweisen, näherbringen. Auf der anderen Seite stehen Texte, die zwar narrative Elemente besitzen und dem Grundmodell einer Erzählung folgen, die historischen Begebenheiten jedoch als einzelne Informationsabschnitte vermitteln, denen ein kontinuierlicher Handlungsablauf fehlt. Welche erzählerische Grundkonzeption verwendet wurde, scheint auch mit der ideologischen Aussage und Wirkung im Zusammenhang zu stehen, die der Herrscher wählte, um das historische Ereignis, dessen Protagonist er war, repräsentativ zu vermitteln.


J. F. Quack
Erzählen als Preisen. Vom Astartepapyrus zu den koptischen Märtyrerakten.

Koptische Märtyrerakten haben eine Verankerung am Ort und in der Zeit, nämlich dem Begräbnisort des Heiligen sowie dem Termin seines Todestages und Festes, zu dem sie auch vorgetragen wurden. Auch in anderen Kulturen sind Verlesungen zu bestimmten Terminen üblich, z.B. beim babylonischen Weltschöpfungsepos. Hier werden insbesondere ägyptische mythische Erzählungen daraufhin durchgesehen, inwieweit sie in Ort und Zeit verankert sind. Es soll gezeigt werden, daß es sich um kein neutrales Sprechen handelt, sondern um ein Preisen der Bedeutung von Gestalten und Ortschaften oder eine Bedeutungsverleihung für Handlungen oder Ritualobjekte. Dabei wird in Frage gestellt, daß Erzählen von Göttern grundlegend vom Erzählen über Menschen verschieden ist. Kurze Ausblicke auf Aretalogie und Autobiographie schließen sich an.


H. Roeder
Zur Einführung: Kontexte und Funktionen des Erzählens erläutert an Fallbeispielen aus dem Mittleren Reich.

Die altägyptischen Erzählungen „Sinuhe“ und „Schiffbrüchiger“ haben in der ägyptologischen Forschung der letzten Jahrzehnte unterschiedliche Interpretationen erfahren. Sie wurden zunächst als Propagandaliteratur eingestuft, die dem politischen Interesse der 12. Dynastie nach ihrer gewaltsamen Machtübernahme im gesamten Land dienen sollte. In die andere Richtung weisen dagegen die Interpretationen der letzten Jahre, von denen einige in den Erzählungen gar das Werk einer gesellschaftlichen Gegenelite zu erkennen glauben, die auf subtile Weise den Machtanspruch des Königshauses relativieren möchte. Hinter den unterschiedlichen Interpretationsrichtungen verbergen sich unterschiedliche Literaturbegriffe, deren paradigmatische und geistesgeschichtliche Verankerung in den Gegenwartskulturen diese Interpretationen beförderte. Eine Untersuchung dagegen, die sich nicht auf einen modernen Literaturbegriff und nicht ausschließlich auf die Quellen eines angeblichen literarischen Diskurses im Alten Ägypten stützt, sondern den ägyptischen Hinweisen auf die Intentionen und Funktionen des Erzählens als kommunikative Handlung in einem möglichst breiten ko- und kontextuellen Umfeld nachgeht, kommt zu einem anderen Ergebnis. Danach versuchen diese beiden Erzählungen gemeinsam mit den Lehren das Potential einer – neu interpretierten – „Besänftigung“ zu nutzen, um die gegenseitigen Erwartungen und Verpflichtungen der beiden gesellschaftlichen Parteien konstruktiv zusammenzuführen.


F. Röpke
Überlegungen zum „Sitz im Leben“ der Kahuner Homosexuellen Episode zwischen Horus und Seth (pKahun VI.12 = pUniversity College London 32.158).

Seit seiner editio princeps im ausgehenden 19. Jh. zieht der aus der späten 12. Dyn. stammende pKahun VI.12 (= pUniversity College London 32.158 + viell. 32.148B u. 32.150A) wegen seines einschlägigen Motivs das fachliche Interesse auf sich und wird meist mit der entsprechenden Episode im hochramessidischen Streit zwischen „Horus und Seth“ von pChester Beatty I korreliert, gelegentlich auch mit dem singulären Pyr. 1.036 (P/A/E 30 = P 233+4). Gegenstand kontroverser Diskussionen ist in erster Linie die Natur dieses mythologischen Textes, der entweder zu reiner Unterhaltungs-„Literatur“ degradiert oder als narrative Komponente eines analogisierenden Heilspruches eingestuft wird, mithin als funktionale, aber ästhetische Ausformulierung eines assoziativen Präzedenzfalles der „absoluten Vergangenheit“. Als Gegenmodell soll nun die interpretative Option zur Diskussion gestellt werden, pKahun VI.12 eine sinnfällige götterweltliche Begebenheit als paradigmatischen Vergleich beschreiben zu lassen, um mit ihm die Position des Arztes/Beschwörers zu demonstrieren. Als Fazit sei vorgeschlagen, das Kahuner Fragment als einen wahrscheinlich kasuistischen Bestandteil eines einstigen „Zyklus“ an die Seite von pWestcar zu stellen, dessen „Wunder“-Geschichten die Wirkmächtigkeit von „magischen“ Ritualen zu illustrieren bzw. visualisieren suchen dürften.


B. U. Schipper
Die Erzählung des Wenamun als historisch-politisches Literaturwerk.

Seit ihrer Entdeckung im Jahr 1891 durch den russischen Ägyptologen Wladimir Golénischeff ist die Erzählung des Wenamun (Papyrus Moskau 120) Gegenstand der Diskussion über die ägyptische Literatur. Dabei zeigt sich ein Wandel in der Bewertung des Textes, der zugleich die Entwicklung der ägyptologischen Literaturforschung widerspiegelt – von einer positivistischen Lektüre als historischen Tatsachenbericht hin zu einer abstrakt-theoretisierenden Verortung auf einer metatextuellen Ebene. So hat gerade die jüngere Forschung den Text primär in einem literarischen Diskurs verortet und den historischen Aspekt darüber vernachlässigt. Der Vortrag präsentiert einen neuen Zugang, bei dem die Erzählung des Wenamun nicht mehr als ‚situationsabstrakt’ verstanden wird, sondern als Teil eines religiösen und politischen Diskurses, der die beiden bislang als gegensätzlich betrachteten Ebenen (historisch - literarisch) umfasst und innerhalb dessen dem Text eine klare Pragmatik zukommt.


U. Verhoeven
Funktionen von Wiederholung und Abweichung in ägyptischen Erzähltexten.

An den bekannten auf Papyrus überlieferten Erzählungen werden Passagen untersucht, die aufgrund ihres wiederholten Vorkommens und dabei auftretender Abweichungen in den Blickpunkt geraten. Es handelt sich zumeist um Kernaussagen oder Schlüsselsituationen, die für den Fortgang der Erzählung entscheidend sind. Die Funktion solcher (er-)zählbaren Sätze für die innere Struktur, aber auch für die äußere Rezipierbarkeit soll beleuchtet und hinterfragt werden. Wenn Erlebtes oder Gehörtes in anderem Kontext wieder erzählt werden muss, spielt auch die Spannbreite vom genauen Zitat über eine "angepasste Maat" bis hin zur Verleumdung und Lüge eine Rolle.