Universität Heidelberg
Ägyptologische Forschungsstätte für Kulturwissenschaft

Thema:

 „Magie“ und performatives Handeln in frühen Hochkulturen.


Konzeption/Veranstalter: Hubert Roeder, Frank Röpke/ÄFKW

Termin: 28. - 29. 11. 2008

Ort: Internationales Wissenschaftsforum (IWH), Hauptstr. 242, 69117 Heidelberg

Teilnahme: Anmeldung erforderlich

Publikation:


Konzept

Der Magiebegriff insbesondere in der Ägyptologie soll kritisch hinterfragt werden. Altägyptische Quellen und Befunde zum Heka-Begriff, zur Performativität und zu Formen des rituellen Sprechens, zur Soziologie des Vorlesepriesters und anderer Ritualausübender, zur Agency des rituellen Handelns sowie zum Verhältnis kultischer und nicht-kultischer Rituale sollen vorgestellt und diskutiert werden. Die Perspektive auf das Thema soll durch inter- und transdisziplinäre Beiträge erweitert werden. Eine Aufteilung des Themas unter zwei Folgetagungen (I und II) wird erwogen.

Eine ausführliche Fassung des Konzeptes steht Ihnen als pdf-Datei zur Verfügung.


Die Bibliographie zur Jahrestagung "'Magie' und performatives Handeln" wurde vollständig überarbeitet und kann nun als pdf-Datei heruntergeladen werden.


Programm

Freitag, den 28. 11. 2008


9.15 - 9.30

Hubert Roeder (Heidelberg)
Begrüßung und Einführung.
9.30 - 10.30


Bernd-Christian Otto (Heidelberg)
Zauberhafte Bedeutungsvielfalt - wissenschaftliche Einfältigkeit. Religionswissenschaftliche Überlegungen zur Geschichte des Magiebegriffs.
10.30 - 11.00 Kaffeepause
11.00 - 12.00


Hubert Roeder (Heidelberg)
Heka und Achu. Das altägyptische Konzept rituell-sprachlicher Agency und Performativität.
12.00 - 13.45 Mittagspause
13.45 - 14.45


Frank Röpke (Heidelberg)
"Magie" als funktionale Textkategorie? Zur Aussagekraft altägyptischer Spruchtitel und -nachschriften.
14.45 - 15.45


Ute Rummel (Kairo)
Sprechen - Handeln - Wirken: Aspekte des altägyptischen Rituals am Beispiel der göttlichen Aktanten Thot und HOrus-Iunmutef.
15.45 - 16.00 Kaffeepause
16.00 - 17.00


Rüdiger Schmitt (Münster)
Magie im westsemitischen und mesopotamischen Kulturraum im 1. Jt. v. Chr.: Forschungsgeschichtliche und religionswissenschaftliches Perspektiven.

Samstag, den 29. 11. 2008


9.15 - 10.15


Ingrid Schröder (Hamburg)
Funktion und Formen magischen Sprechens. Bausteine zu einer Theorie des magischen Sprachhandelns.
10.15 - 11.15

Andreas Wagner (Heidelberg)
Magische Sprechhandlungen im Alten Testament.
11.15 - 11.45 Kaffeepause
11.45 - 12.45


Bernd U. Schipper (Bremen)
"Magie" und "Magieverbot" im Alten Testament. Deuteronomium 18 und das Problem ritueller Handlungen..
12.45 - 13.45 Mittagspause
13.45 - 14.45

Joachim F. Quack (Heidelberg)
Wer waren die gräko-ägyptischen Magier und was trieben sie?.
14.45 - 15.30
Abschlussdiskussion

Dieses Programm steht auch als pdf-Datei zur Verfügung.


Abstracts

Bernd-Christian Otto

Zauberhafte Bedeutungsvielfalt – wissenschaftliche Einfältigkeit. Religionswissenschaftliche Überlegungen zur Geschichte des Magiebegriffs.

Der Magiebegriff hat im Laufe seiner etwa 2500 Jahre andauernden Geschichte ein semantisches Feld herausgebildet, das durch außerordentlich heterogene, kontextabhängige, unscharfe und weithin polemische Bedeutungen gekennzeichnet ist. Im Rahmen der akademischen Rezeption des Magiebegriffs wurde gleichwohl versucht, den Begriff mittels „Definitionen“ auf Kernbedeutungen zu reduzieren, um ihn fortan als (scheinbar) ahistorisch und transkulturell gültige Sachkategorie verwenden zu können. Da auf diese Weise unterschiedliche „Wesenskerne“ aus der diskursiven Vorgeschichte des Begriffs extrahiert wurden, ist der akademische Magiediskurs bis heute durch mitunter heftige Kontroversen geprägt. Insbesondere in Anlehnung an die „Ethnozentrismus“-Problematik wurde in den letzten Jahrzehnten immer wieder gefordert, „Magie“ aus dem wissenschaftlichen Vokabular zu streichen. Diese Stimmen bleiben in vielen akademischen Disziplinen, so auch in der Ägyptologie, nach wie vor ungehört. Im Gegenteil: Der gegenwärtig beobachtbare „Magie“-Boom (mit der „Harry Potter“-Heptalogie als kommerzielle Speerspitze) scheint vielerorts sogar zu einer steigenden wissenschaftlichen Beschäftigung mit vermeintlich „magischen“ Gegenstandsbereichen zu führen. Der Vortrag hat daher zum Ziel, die akademische Problematik vor dem Hintergrund der abendländischen Rezeptionsgeschichte des Magiebegriffs neu aufzurollen, um schließlich auch eine etwaige ägyptologische Verwendung des Begriffs kritisch reflektieren zu können.


Hubert Roeder

Heka und Achu. Das altägyptische Konzept rituell-sprachlicher Agency und Performativität.

Die beiden altägyptischen Begriffe Heka und Achu werden seit jeher mit einem angeblichen Magiebegriff in Ägypten in Verbindung gebracht. Sie spielen eine große Rolle in Aussagen zum rituellen Sprechen und begründen die Wirksamkeit von Rezitationen. Somit bietet es sich an, die Verwendungskontexte und Definitionen beider Begriffe hinsichtlich der Problemstellung der Tagung neu zu beleuchten. Es geht unter anderem um die Fragen, auf welche möglichen Formen und Gattungen von Ritualen Heka und Achu Anwendung finden, was genau sie beschreiben und wie ihre Konzeption aussieht. Im Zusammenhang damit müssen einige Quellen wie der Papyrus Westcar auf ihre spezifischen medialen Modalitäten und Intentionen hin untersucht werden, da diese für eine angemessene Interpretation solcher Texte wegweisend sind.


Frank Röpke

„Magie“ als funktionale Textkategorie? Zur Aussagekraft altägyptischer Spruchtitel und –nachschriften.

In der Ägyptologie werden außerkultische, meist zu Heil- und/oder Schutzzwecken eingesetzte Ritualtexte konventionell mit dem Etikett „magisch“ versehen und als eigenständige Gattung bzw. Textsorte gewertet. In formaler Hinsicht ist dieses operative Korpus jedoch ausgesprochen heterogen, es umfasst neben kurzen Beschwörungsformeln oder hymnischen Anrufungen diverser Gottheiten auch mythologische Erzählungen, deren Ästhetik die ägyptologische Grenze zwischen reiner Gebrauchs- und „literarischer“ Literatur verschwimmen lässt. Fehlen in solchen Fällen explizite Verwendungshinweise, erlauben die Texte selbst oftmals kein sicheres Urteil über ihre Natur. Bei „Magie“ handelt es sich demnach nicht um ein gattungsspezifisches Kriterium, sondern sie betrifft die praktische Instrumentalisierung eines Textes in Spruchform, die in Titeln und v.a. nachgeschriebenen Instruktionen definiert wird. Zu den Punkten, die dort nach mehr oder minder standardisiertem Formular thematisiert werden, gehören in der Regel Rezitationsanlass, -zweck und -modalitäten, komplementäre Ritualhandlungen, Utensilien, Medikation, Wirksamkeitsversicherung, Exklusivität etc. Da entsprechende Vorgaben jedoch auch zum Repertoire anderer, gemeinhin nicht oder nur bedingt als „magisch“ klassifizierter Textgruppen gehören – in erster Linie der Toten- bzw. Jenseits-„Literatur“ (Sargtexte, Totenbuch etc.) –, ist die Suche nach adäquaten (Alternativ-)Kategorien unumgänglich. Dieser Frage geht der Vortrag durch einen kursorischen Textvergleich nach.


Ute Rummel

Sprechen – Handeln – Wirken: Aspekte des ägyptischen Rituals am Beispiel der göttlichen Aktanten Thot und Horus-Iunmutef.

Das altägyptische Ritual erforderte den Einsatz von Spezialisten, da für einen erfolgreichen Ausgang ein besonderes Wissen, d.h. die Kenntnis der wirksamen Sprüche und Handlungen unbedingt notwendig war. Wichtige Ritualaktanten waren der „Vorlesepriester“ (Sprechakt) und der „Sem“ (manuelle Handlung), deren Zusammenwirken in zahlreichen Darstellungen des Bestattungsrituals überliefert ist. Diese formale Konzeption wurde auch auf die Götterwelt übertragen und manifestiert sich in den Gottheiten Thot und (Horus-)Iunmutef. Als effizientes Ritualistenpaar erscheinen sie sehr oft im Rahmen der Herrschaftsritualistik, wo sie „mit vereinten Kräften“ für den göttlichen Herrscher tätig werden und damit zur Aufrechterhaltung des Kosmos beitragen. Ausgehend von diesen konkreten Beispielen einer Spezialisierung beschäftigt sich der Vortrag mit dem Verhältnis von Sprechakt und Handlung in den untersuchten Ritualszenen, der Wirkunsgsmacht (agency) bestimmter Ritualutensilien, sowie mit der Frage, vermittels welcher Mechanismen das jeweils angestrebte Ritualziel erreicht wird. Die vorgestellten Einzelaspekte sollen abschließend im Hinblick auf die zugrunde liegende Problemstellung (Anwendbarkeit des Magiebegriffs) bewertet werden.


Ingrid Schröder

Funktion und Formen magischen Sprechens. Bausteine zu einer Theorie des magischen Sprachhandelns.

Magische Formeln dienen dazu, Ordnung in eine als chaotisch oder bedrohlich erfahrene Welt hineinzubringen. In solchen Texten, seien es Heilsegen zur Behandlung von Krankheiten oder auch Schadensformeln, wird immer der Versuch gemacht, einen gegebenen Zustand zu verändern und nach dem eigenen Willen zu gestalten. Dies soll aufgrund magischer Gesetze geschehen, die auf einer magischen Wirklichkeitstopographie, d.h. einer spezifischen Form der Erkenntnis, basieren. Die Versprachlichung dieser besonderen Wirklichkeitstopographie ist der Ausgangspunkt für eine Theorie des magischen Sprechens. Aufgabe der Linguistik ist es, Funktion, Semiose und Struktur magischen Sprechens als Basis für ein Konstellationsmodell magischer Sprachhandlungen zu beschreiben. Es gilt zu zeigen, wie Sprechen als semiotischer Prozeß einen magischen Diskurs als integralen Bestandteil magischen Handelns etabliert. Dabei ist die Nutzung und Verknüpfung verschiedener Referenzräume („magisch/virtuell“ und „profan/real“) von Bedeutung. Eine Theorie magischen Sprachhandelns hat weiterhin zu klären, wie in der Wahl der sprachlichen Mittel die magische Weltsicht zum Ausdruck kommt, die als kohärenzstiftende Sinnstruktur die Gestalt der Vertextungsmuster und den Einsatz der Vertextungsmittel steuert. Das Analysekorpus bilden über 500 Formeln in hochdeutscher und in niederdeutscher Sprache norddeutscher Provenienz aus dem Bereich der Alltagsmagie (Heilsegen, Schutzsegen, Beschwörungen).